Spoilerwarnung: Wer A Dance with Dragons noch nicht gelesen hat, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen!
Das neue Buch der Reihe A Song of Ice and Fire von George Martin hat bei mir gemischte Gefühle hinterlassen. Natürlich habe ich lange auf die Fortsetzung gewartet, sie geradezu herbeigesehnt. Ich wollte unbedingt die alten Charaktere wiedersehen, gerade auch weil ich Daenerys, Jon und Tyrion immer am sympathischsten fand und sie im Vorgänger nun ja gerade nicht auftauchten. Nach fast sechs Jahren des Wartens hatte ich große Erwartungen – und die wurden nur teilweise erfüllt.
Ich kaufte mir das Buch am Erscheinungstag, hatte es binnen weniger Tage durchgelesen, und war erstmal enttäuscht (“Was? Schon zu Ende? Ist ja gar nichts passiert?”). Die Haupthandlungsstränge im Norden und in Meereen werden kaum vorangetrieben und am Ende oftmals nicht zusammengeschnürt, sondern mit fiesen Cliffhangern versehen. Nach über 900 Seiten hat man das Gefühl, es sei kaum etwas Wichtiges geschehen – vor allem, wenn man Dance mit den ersten Büchern der Reihe vergleicht, in denen sich die Ereignisse regelrecht überschlagen. Besonders offensichtlich wurde dies im Fall von Daenerys: gegen Ende des Vorgängerbuches A Feast for Crows wusste man, dass eine Menge wichtiger Personen sich auf dem Weg zu ihr befinden: Tyrion, Victarion, Maester Marwyn und Quentyn Martell. Man wartet gespannt auf das Zusammentreffen – und bis auf Quentyn findet dies noch gar nicht statt! Stattdessen führt der Autor immer neue Handlungen und Personen ein, zu denen erstmal ein Bezug gewonnen werden will. Wie aus dem nichts taucht auf einmal Prinz Aegon VI auf und beginnt, Westeros zu erobern, während Dany, die das eigentlich hätte übernehmen sollen, in Meereen bei ihrem nervigen Söldnerkapitän schmachtet. Als Leser frage ich mich da, warum Danys Handlung, die ja offenbar irgendwie nebensächlich geworden zu sein scheint, so viel Platz eingeräumt wird.
Der Ersteindruck unmittelbar nach dem Lesen war also ziemlich unbefriedigend. Mittlerweile muss ich diese Bewertung relativieren. A Dance with Dragons ist das fünfte von sieben geplanten Büchern der Ice & Fire - Reihe, da sollte man nicht erwarten, dass alle Handlungsstränge toll aufgelöst werden. Ich schätze das Buch nun als Übergang zum Finale der Reihe – und als das war es auch geplant. Nur weil auf der Ebene der Handlung nicht alle Erwartungen erfüllt werden, sollte man nicht vergessen, dass Dance der Tradition der Reihe folgt und ausgezeichnet geschrieben ist. Es sticht wieder die strikte personale und oftmals unzuverlässige Erzählweise und und deren Nutzung zur impliziten Charakterisierung der Figuren und zum Aufbau von Spannung hervor, auf die ich aber nicht näher eingehen will, da sie schon in den Vorgängern Anwendung fand.
Besonders hervorzuheben ist dagegen eher, dass Dance thematisch absolut konsequent geschrieben ist; konsequenter als alle vorherigen Bücher des Song of Ice and Fire. Immer wieder wird die Frage nach der persönlichen Identität und der Natur des Menschen aufgeworfen. Von den Protagonisten befinden sich sowohl Jon Snow, der ständig zwischen Pflichtbewusstsein und Familie gespalten ist, als auch Dany und Tyrion auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Im Fall von Dany erstreckt sich diese Suche über das gesamte Buch, erst im letzten Kapitel muss sie erkennen, dass sie Mother of Dragons ist und ihre Abstammung (“Fire and Blood”) nicht verleugnen kann. Sie sieht ein, dass sämtlich Versuche, in ihrer Stadt mit Milde zu regieren (woraus im Grunde ihre komplette Handlung in Dance besteht!) und Frieden herzustellen, vergeblich waren; man darf gespannt sein, wie es mit ihr weitergeht. Tyrion sucht dagegen von Anfang an nach seiner Bestimmung. Zu Beginn heimat- und ziellos, begibt er sich auf die Reise nach Meereen, auf der er immer wieder über den Einfluss seines Vaters reflektiert – und diesen abzuschütteln versucht. Theon hat zu Beginn seiner Handlung nicht mal mehr einen eigenen Namen und findet seine Persönlichkeit erst im Verlauf der Geschichte wieder. Dabei erkennt er, dass Winterfell viel eher sein Zuhause war als Pyke. Auch motivisch wird das Thema angesprochen: Zaubersprüche verhüllen wahre Gesichter; wir treffen sehr häufig auf Warge, die in die Körper anderer Tier und Menchen schlüpfen können; Theon wird im Verlies der Boltons seine Persönlichkeit regelrecht mitsamt seiner Haut abgezogen; Arya lernt bei den Faceless Men, neue Gesichter anzulegen; die Brazen Beasts verhüllen ihre Gesichter hinter Masken, sodass man sich nie sicher sein kann, wer wirklich hinter der Maske steckt.
Der Autor kommt häufig auf die Natur des Menschen zu sprechen: Kannibalismus ist ein wiederkehrendes Motiv. Ist der Mensch ein Monster, wenn er das Fleisch von toten Menschen ist? Sind untote Menschen Monster? Sind Menschen, die nichts essen, nichts trinken und nicht schlafen (wie Melisandre oder “Robert Strong”) noch Menschen? Sind Warge Menschen oder Monster? Wann ist der Mensch noch ein Mensch? Wann ist er schon ein Monster? Ebenso wird aus verschiedenen Perspektiven über die Natur von Knechtschaft reflektiert. Ist ein Sklave einem freien Menschen ebenbürtig? Einerseits ist das Leben eines Sklaven nur wenig wert, aber verhält es sich anders mit den Knechten in Westeros, die zwar keine Sklaven sind, aber doch an den Dienstherren gebunden? Kann Sklaverei gar gut funktionieren? Letztlich kommt es immer auf den eigenen Herrn an, man begegnet in Dance befreiten Sklaven, die gerne wieder verkauft werden wollen, da sie sich in der Obhut eines vernünftigen Herrn gut versorgt fühlen.
Man merkt, dass George Martin in diesem Buch Plot und Handlung verhältnismäßig wenig Raum beimisst, was ein unbefriedigendes Gefühl hinterlässt. Dennoch ist Dance ein hervorragendes und würdiges fünftes Buch der Serie. Martin bleibt seinem genialen Stil treu und man wird als Leser sehr gut unterhalten. Der Haken bei der Sache ist, dass man gerne noch länger unterhalten werden will. Am Ende von Dance sind endlich alle Weichen für das große Finale gestellt, man hat das Gefühl, dass es nun endlich losgeht – die folgende Erkenntnis, mindestens einige Jahre auf die Fortsetzung warten zu müssen, hinterlässt dann leider einen faden Beigeschmack.