Wofür braucht man einen Würfelpool?
Posted by angbandNov 15
So weit ich das überblicke, gibt es beim Rollenspiel zwei grundlegend verschiedene Würfelmechaniken. Erstens diejenige, bei der man einen bestimmten Schwellwert über- bzw. unterwürfelt, um ein Ziel zu erreichen, üblich etwa bei D20 oder Savage Worlds. Zweitens diejenige, bei der man eine bestimme Anzahl Erfolge braucht, die man durch einen möglichst großen Würfelpool zu erreichen sucht. Ich will jetzt nicht behaupten, dass die erste Mechanik die Lösung aller Rollenspielprobleme ist. Man könnte beispielsweise behaupten, sie sei zu sehr abhängig vom Zufall. In jedem Fall aber verfügt diese Methode über eine gewisse Unmittelbarkeit. Jeder am Tisch weiß sofort, ob ein Wurf geschafft wurde oder nicht. Jeder kann sich relativ schnell seine Erfolgschancen ausrechnen.
Der Würfelpool verfügt über diese Unmittelbarkeit nicht. Ich kenne Würfelpoolsysteme bisher nur von Shadowrun und Warhammer 3 FRP. Vielleicht verhält es sich bei anderen Systemen unterschiedlich, aber in beiden Runden hatten sowohl ich als auch die Mitspieler – wir alle kannten die Systeme nicht sehr gut – große Probleme dabei, den Schwierigkeitsgrad einer Aktion zu bestimmen bzw. die eigene Erfolgswahrscheinlichkeit auszurechnen. Bei Shadowrun wird die Antizipation durch eine unglaubliche Fülle an möglichen Boni erschwert. Der Grund-Würfelpool wird (wenn ich mich richtig erinnere) durch Fertigkeit und Attribut bestimmt, kann aber durch eine Vielzahl von Implantaten und technischen Spielereien noch beträchtlich vergrößert werden. Das Problem dabei war, dass der Spielleiter bei der Bestimmung der zu erreichenden Erfolge kaum sämtliche dieser Modifikatoren im Auge behalten konnte – und somit ausgeglichene Begegnungen sehr schwierig hinzubekommen waren (“Halt, ich habe noch die +2 für meinen Laserpointer, +1 für eine Runde Zielen und +2 für Talent XY vergessen” – “Mann dieser Kampf ist ja leicht…”).
Bei Warhammer war die Abstraktheit der Würfel sogar noch krasser, da auf den Würfeln keine Zahlen, sondern nur Symbole stehen. Bei 5-6 unterschiedlichen Würfeltypen mit unterschiedlichen Symbolen kann man ebenfalls nur sehr sehr sehr schwer abschätzen, wozu der eigene Charakter überhaupt in der Lage ist. Obwohl ich davon ausgehe, dass sich dieser Zustand der Unwissenheit mit zunehmender Systemerfahrung bessert, kam bei mir unweigerlich die Frage auf: Wer braucht eigentlich einen Würfelpool?!
8 comments
Kommentar by Andreas (Sphärengeflüster) on 15. November 2011 at 22:39
Ich habe mit SR einige Erfahrung, und die WoD verwendet praktisch dasselbe System (nur mit W10). Es fühlt sich jedenfalls grundlegend anders an, ob man auf einen Wert von “17″ auf einem W20 würfelt, oder 17 Würfel in die Hand nimmt; die Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen, ist insgesamt tatsächlich schwieriger (wegen der unterschiedlicheren Ergebnisse), aber schon mit dem einfachen Erwartungswert kommt man recht weit – bei SR ist das 1/3 Erfolg pro Würfel. Damit kann man schon ganz gut arbeiten.
Aber insgesamt bleibt trotzdem in Poolsystemen deutlich mehr Varianz. Bei SR z.B. durch die aktive Schadenswiderstandsprobe, da kann es sein, dass man durch den gleichen Angriff einmal keinen Schaden erhält und einmal tot ist.
Ich finde allerdings Poolsysteme insgesamt etwas eingängiger und einsteigerfreundlicher – Attribut in Würfeln + Fertigkeit in Würfeln + 2 Würfel durch Zusatzausrüstung in die Hand nehmen ist mAn anschaulicher als W20 gegen 15 + 3 – 4.
Letztlich ist das Geschmackssache denke ich, aber wie jedes Regelsystem für bestimmte Spielstile unterschiedlich gut geeignet ist, transportieren auch Würfelmechanismen andere Spielgefühle. Pool bedeutet für mich gefühlt mehr Zufall und schwierigere Abschätzbarkeit.
Pingback by Ein Kommentar zur Kommentierung eines Kommentars… » Sphärengeflüster on 16. November 2011 at 15:11
[...] eben einen kleinen Artikel veröffentlicht, in dem er scheinbar einen Kommentar von mir bei einem anderen Blog zu demontieren versucht. Es geht dabei um W20- vs. Poolsysteme, und ich habe in meinem Kommentar [...]
Kommentar by Andreas (Sphärengeflüster) on 16. November 2011 at 15:12
1of3 hat ja in seinem Blog versucht, meinen Kommentar zu demontieren. Da ich dort nicht kommentieren kann, habe ich auf unserer Seite eine Klarstellung gepostet:
http://www.sphaerengefluester.de/archives/677.
Kommentar by angband on 16. November 2011 at 15:28
In einem anderen Blog wurde ein
klugscheisserischersicherlich ganz lehrreicher Artikel veröffentlicht, der sich auf diesen hier, sowie den Kommentar durch Andreas bezieht. Bitte zu beachten!Kommentar by Xemides on 16. November 2011 at 17:21
Welches Poolsystem ich auch ganz witzig finde ist das der One Roll Engine:
Es wird eine Anzahl von D10 geworfen, gewertet werden dann im Wesentlichen die Pasche, wobei es wichtig ist, möglichst viele gleiche WÜrfel zu haben, die auch noch möglichst hoch sind.
Kommentar by Roland on 16. November 2011 at 18:04
Poolsystemen bieten sich dann an, wenn man ein mehrdimensionales Ergebnis erwürfeln will. Bei Shadowrun und The One Ring z.B. die Anzahl der Erfolge, sprich die Qualität, bei Warhammer fragt man gleich diverse Merkmale ab, u.a. Qualität des Erfolgs, positive und negative Nebeneffekte.
Die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen ist meist auch nicht so schwer, bei Shadowrun erwartet man für drei Würfel im Pool einen Erfolg, bei Warhammer kann man einen Erfolg erwarten, wenn man 2-3 positive Würfel mehr würfeln darf, als negative Würfel.
Kommentar by angband on 16. November 2011 at 21:45
Danke für Eure Kommentare! Mit der ORE habe ich mich bisher kaum beschäftigt, aber ein Kumpel berichtete mir neulich schon davon. Das scheint ganz interessant zu sein, aber auf (hohe) Paschs zu hoffen, ist ja auch nicht gerade vorhersehbar…
Warhammer schien mir eigentlich auch ganz interessant zu sein vom Ansatz her, aber leider hat es einfach nicht geflutscht: das Würfeln hat mir immer zu lange gedauert (bis man die korrekten verschiedenfarbigen Würfel zusammengesucht hatte), die Nebenwirkungen (also außer einem Erfolg eben) waren irgendwie nie so wichtig. Das ganze ist nun aber auch schon einige Monate her und ich lehne Würfelpoolsysteme auch nciht kategorisch ab, habe aber bisher eben noch keine positiven Erfahrungen gemacht – ob das jetzt unbedingt nur am Würfelsystem lag sei dahingestellt.
Kommentar by gnrfg on 17. November 2011 at 08:32
mir geht es genau anders herum: gerade bei poolsystemen habe ich ein intuitiveres gefühl dafür, was am ende rauskommen kann. erstens kommen extremwerte nicht so häufig vor. zweitens ist die wahrscheinlichkeit pro würfel leicht zu erahnen. drittens, wenn ich etwas besser kann, nehme ich mehr würfel. meine fähigkeiten werden also durch das würfelsystem visualisiert. viel plastischer als immer nur einen w20 zu werfen.