[Spielleiterschwächen] Allgemeine Mittelmäßigkeit
Posted by MerriweatherJul 21
Es soll nicht nach Arroganz klingen: Als von meinen Mitautoren die Idee kam, unsere Spielleiterschwächen hier zu beschreiben, fiel mir zunächst keine ein. Das soll nicht heißen, dass ich mich für einen perfekten Spielleiter halte, im Gegenteil. Nur ist mir eben bis heute nicht die eine, dominante Inkompetenz eingefallen, die ich hier ausbreiten könnte.
Früher war das anders, und davon können meine Mitspieler aus der AD&D-Runde zu Schulzeiten ein Lied singen. Da war die wohl augenscheinlichste Schwäche meine Unfähigkeit, Herausforderungen angemessen einzuschätzen – kombiniert mit allgemeiner Unerfahrenheit im Erzählen und flexiblem Reagieren. Da kam es schon einmal vor, dass Charaktere ohne größeren Sinn für die Story versteinert oder umgebracht wurden.
Unvergessen, wie ein tapferer Krieger der Vergessenen Reiche in einer Spielsituation frei von Fairness an einem giftigen Moos starb. Immerhin war es ein Höhepunkt an mitreißender Schilderung: “Ich gucke mir das grüne Zeug mal an.” – “Mach mal einen Rettungswurf gegen Gift.” – “Nicht geschafft.” – “Du bist tot.” Welcher Held würde nicht gerne so glorreich enden? Unvergessen auch, wie zwei niedrigstufige Magier um ein Haar fiesem Ungeziefer zum Opfer gefallen wären, hätte nicht übelstes Würfeldrehen des Spielleiters sie (respektive ihn) aus der lebensgefährlichen (respektive peinlichen) Situation befreit.
Das sind Jugendsünden, die hoffentlich der Vergangenheit angehören. Heute verenden Charakter in meiner Runde nicht mehr gänzlich unmotiviert und ohne Bezug zur Abenteuerhandlung oder ihren Entscheidungen…
Was also ist meine “Spielleiterschwäche”? Aus meiner eigenen Sicht vielleicht schlicht und einfach Mittelmäßigkeit in allem, was das Spielleiterdasein ausmacht. Spielrunden kriege ich leidlich verwaltet, kann auch einigermaßen flexibel auf unerwartete Spielerentscheidungen reagieren. Ist die Abweichung vom erwarteten Weg zu groß, kann ich aber durchaus in Railroading oder stumpfes Abhandeln von Szenen verfallen. Auch schauspielerisch wird man von mir keine Glanzleistungen erwarten, allerdings klingt bei mir auch nicht jeder NSC völlig gleich. Stories erfinden liegt mir weniger, doch wenn ich Zeit habe, geht auch das und man kann ja auch sehr schön Kaufabenteuer verwursten. Regelkenntnis und -anwendung, gleichmäßige Einbindung der Spieler, Fairness – die Liste an Bereichen, in denen ich mir selbst ein Befriedigend geben würde, ließe sich beliebig verlängern.
Ist das schlimm? Ich denke nicht. Großartiges Spielleiten ist es freilich auch nicht. Relativierend muss ich sagen: Wir haben oft genug trotzdem Spaß. Es ist eben alles in allem “okayes” Rollenspiel. Soweit zumindest meine Eigenwahrnehmung. Aber vielleicht sind die Spieler, die mich in den letzten paar Jahren erlebt haben, ja ganz anderer Ansicht und sehen bei mir in dem einen Bereich erstaunliches Talent und in dem anderen grobe Unfähigkeit, wer weiß.
8 comments
Kommentar by Greifenklaue on 22. Juli 2011 at 00:15
Da fragt sich, ob das Würfel drehen oder die falsche gegnereinschätzung die Jugendsünde war (die Wahl zwischen Pest und Cholera imho …)
Kommentar by TheClone on 22. Juli 2011 at 05:50
Das schließe ich mich an. Deine Schwäche ist für mich ganz klar “Schummelei”. Früher mag man ja noch sagen “Hey, ich habe als SL ganz klar einen Fehler gemacht, dafür müssen die Spieler nicht büßen” (wobei das Moos da nicht zu gehört. AD&D IST einfach tödlich). Aber bei Dir stirbt heute niemand ohne Storybezug. Das geht nur durch Würfeldrehen. Da ist die ganze große Schwäche. Auf dem Silbertablett
Kommentar by ghoul on 22. Juli 2011 at 07:37
>“Ich gucke mir das grüne Zeug mal an.” – “Mach mal einen Rettungswurf gegen Gift.” – “Nicht geschafft.” – “Du bist tot.” Welcher Held würde nicht gerne so glorreich enden?<
Ich würde eher sagen, das ist ein Spielerfehler, kein Spielleiterfehler.
Wenn man so leichtfertig beim Dungeon-Erforschen ist, braucht man sich nicht wundern, wenn man Save-or-die würfeln muss.
Die Luft anhalten oder sich mit Tüchern schützen ist doch das mindeste, was ein mit gesunder Paranoia ausgestatteter Abenteurer tut, der ein verdächtiges Gewächs untersuchen müsste.
Learning by doing! Der nächste Charakter weiss es hoffentlich besser.
Wenn man beim Dungeon Crawl nicht ständig damit rechnen muss, auf unvorhergesehene Weisse zu sterben, macht das doch gar keinen Spass. Da kann man ja gleich Pathfinder spielen.
Kommentar by Merriweather on 22. Juli 2011 at 08:21
Danke für eure Kommentare. Ich sehe das Würfeldrehen nicht ganz so kritisch, aber das wäre eine ganz andere Diskussion, die von der Spielphilosophie abhängt.
Gleichwohl sollte man mich schon nicht so selektiv lesen wie The Clone. Es heißt schließlich oben “ohne Bezug zur Abenteuerhandlung ODER IHREN ENTSCHEIDUNGEN…”. Dass dann als drittes natürlich auch noch die Regeln eine Rolle spielen, hätte man im zur Zeit reichlich ideologisierten Klima der Rollenspielszene wohl besser explizit gesagt anstatt drei Punkte zu setzen… Dass ich heute “immer noch” schummele, habe ich aber mit keiner Silbe geschrieben. Es ist auch nicht der Fall. Meistens. ;-p
Kommentar by TheClone on 24. Juli 2011 at 08:53
Sorry, aber ich tue mich schwer da anderes zu lesen. Ist ja nicht böse gemeint. Entweder die Spieler sterben, weil sie eben sterben (ob Entscheidung, Story, Würfelpech oder sonstwas) oder man muss schummeln. Da Du es so formuliert hast als gäbe es Situationen in denn Du den Spielertod verhinderst, ging ich davon aus, dass Du noch schummelst. Ich gebe ja auch (ungerne) zu, dass ich auch geschummelt habe und erst lernen musste das zu lassen. Auch indem ich als SL weniger Fehler bei der Einschätzung von Kämpfen etc. mache, so dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn jemand stirbt.
Ich weiss, es gibt Gruppen, in denen Schummeln völlig okay ist. Da würde ich mich zwar nicht wohl fühlen, aber jedem das seine. Trotzdem bezeichne ich schummeln weiterhin als Schwäche, weil man 99% aller Dinge, die man im Rollenspiel machen kann sicherlich auch ohne Schummeln erreichen kann. Und sei es indem man ein Erzählspiel spielt, statt Tabletop-RSP. Kann ich aber natürlich nicht beweisen. Leider
lol @Pathfinder. Alle PF-/3e-Spieler, die ich kenne, sagen 4e wäre so fürchterlich untödlich. Aber nimmt sich wohl nicht viel, bes. im Vergleich zu Old School-Spielen. Bei 4e-Dark Sun diese Woche musste ich auch dem am Boden liegenden nochmal eine rein hauen, damit er liegen blieb, trotz dass er der einzige Heiler war. Aber es war auch ein Zweitchar, der eh raus sollte. Sonst hätte ich das nicht so fies gemacht.
Kommentar by Merriweather on 24. Juli 2011 at 09:17
Dann sind wir uns glaube ich einig, und das war es auch, was ich ursprünglich sagen wollte. Die SC sterben wegen ihrer (falschen) Entscheidungen, Pech etc. Aber eben nicht mehr wegen Dummheit des Spielleiters.
Wenn letzteres aber doch einmal vorkommen sollte, wäre das ein (hoffentlich nie vorkommmmender) Sonderfall, bei dem ich nach wie vor überlegen würde zu schummeln. Ich kann verstehen, dass viele erfahrene Rollenspieler das ablehnen, würde mir als Spieler es selbst auch nicht wünschen. Die Spieler in meiner Gruppe allerdings fänden es wahrscheinlich nicht superschlimm.
Kommentar by Merriweather on 24. Juli 2011 at 09:19
Nachtrag: Es kam in den letzten Jahren allerdings nie vor (Spielleiterdoofheit + Schummeln). Tode gab es hingegen einige, das bleibt nicht aus, wenn man Cthulhu spielt.
Kommentar by Dude on 11. September 2011 at 11:57
Ersten – das war keine Moos, sondern ein Pilz.. glaube ich. Und ja er hat ihn einfach so angefasst und dann haben ihn die Sporen umgebracht.
So. Hinsichtlich SL-Versagens bin ich auch immer bereit zu “Schummeln”. Z.B. alle Spieler sterben in einem zu krass berechneten Feuerball, der nur kam, weil die Spieler nicht das gemacht haben was der SL wollte. Da kann man schon mal jemanden aus der Gruppe aufwachen lassen und ihm sagen, dass das Dahinscheiden der Gruppe in der letzten Sitzung nur ein Traum oder eine Vision war. So was passiert – selten – aber es passiert.
Meiner Meinung nach müssen Sl und Spieler zusammen wachsen – was aber eigentlich nie der Fall ist. Wenn der SL mittelmäßig bleibt, ist das oft, weil die Spieler nichts anderes erwarten und es ihnen reicht.