Gestern habe ich mit Freunden Dogs in the Vineyard gespielt und diese Runde hat tiefe Eindrücke hinterlassen. Alle von uns waren Dogs-Neulinge. Trotzdem – oder gerade deswegen – hatten wir einen Abend voller Konflikte, Charakter-Rollenspiel und Dramatik! Der Reiz von Dogs besteht dabei einerseits aus moralischen Entscheidungen, Richtsprüchen und Urteilen, die die Spielercharaktere sprechen und andererseits aus dem Konfliktsystem, welches die Atmosphäre großartig unterstützt.

Welt- und Charakterhintergrund von Dogs in the Vineyard zeigt Spielern und Spielleiter eine Reihe von Möglichkeiten für künftige Konftlikte auf. Die Spielercharaktere sind allesamt von Gottes Gnaden auserwählte Inquisitoren in einer puritanischen Wildwest-Welt. Sie sind mit göttlicher Autorität ausgestattet und dazu befugt, alle notwendigen Konsequenzen zu ziehen, um Stolz, Sünde und handfeste oder gefühlte ‘dämonische’ Einflüsse in einer Glaubensgemeinschaft aufzuspüren und auszumerzen. Niemand darf an ihren Entscheidungen zweifeln, denn sie sind das Sprachrohr des Herrn – seine Dogs. Dumm nur, dass die Charaktere allesamt unverheiratete Jungfrauen im Teenageralter sind und über keine nennenswerte Lebenserfahrung verfügen. In einer Welt rigider Moralvorschriften und starrer Rollen- und Wertesysteme werden sie fast immer irgendwo Sünder ausfindig machen, denn die Menschen sind schwach. Und hat erst einmal die Sünde Einzug gehalten in einer Gemeinde, ist den Dämonen Tür und Tor geöffnet. Deren Ziel besteht darin, die Gemeinschaft der Gläubigen zu sprengen und zu zerreißen.

Die Dogs sind dabei Richter und Vollstrecker in einer Person und ihre Aufgabe und Pflicht besteht darin, die Reinheit und Integrität der Glaubensgemeinschaft zu bewahren. Dieser Vorsatz schafft den Nährboden für moralische Entscheidungen, die immer wieder getroffen werden müssen und deren Lösung eine Kernkomponente des Spiels ist.

Ist es okay, wenn man Geld hat? Ja. Ist es okay, wenn man ein geiziger Gierschlund ist, während andere hungern? Nein, denn das führt zu Neid in der Gemeinde. Ist es okay, wenn die Hungernden dem Geizhals sein Geld abnehmen? Vielleicht, das müssen die Dogs entscheiden.

Die zweite Frau des Vorstehers ist unglücklich, weil sie in der Ehe zu wenig Zuwendung bekommt. Die erste Frau ist dafür verantwortlich, denn sie ist unglücklich, da sie ihren Mann mit einer Jüngeren teilen muss. Der Vorsteher kann seine Angelegenheit nicht selbst regeln und vernachlässigt seine Pflicht, nämlich die Gemeinde zu führen. Was ist zu tun? Das müssen die Dogs entscheiden.

Diese und weitere Konfliktsituationen gilt es zu lösen. Die Konfliktlösung steht eindeutig im Mittelpunkt des Spiels. Das wäre vielleicht gar nicht mal so besonders, wenn dieser Vorsatz nicht durch das Regelsystem untermauert würde. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen (mehr beispielsweise hier), sei gesagt, dass Charaktermerkmale (Talente) der Personen direkt in die Konfliktlösung eingebaut werden können und Bonuswürfel geben. Hat man beispielsweise das Talent “Mein Vater nahm mich immer mit auf die Jagd 1W6″ und es geht darum, eine Spur zu verfolgen, so könnte man beschreiben, wie der Charakter in seiner Kindheit mit seinem Vater unterwegs war – was 1W6 Bonuswürfel einbringen würde.  Eine atmosphärische Beschreibung wird also gleich im Spielsystem belohnt. Und das funktioniert ganz fantastisch, sodass sich Vorsatz und regeltechnische Umsetzung bei Dogs in the Vineyard hervorragend ergänzen und den Weg für ein dramatisches, atmosphärisches Spiel voller Konflikte und wichtiger moralischer Entscheidungen ebnen.